Peter Gehrisch

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Zu Peter Gehrischs Projekten gehört das poetische Werk Cyprian Kamil Norwids.

 

 

                                                                                                   C. K. Norwid, Selbstporträt 1846

 

Über die Bedeutung des polnischen Dichters äußert sich Josef Brodsky, Nobelpreisträger 1987, in einem Interview (Frank Corliss, jr., Cyprian Norwid (1821-1883) Poet – Thinker – Craftsman, A Centennial Conference, London 1988): “I consider Norwid as the best poet of the 19th century - of all I know, in any language. Better than Baudelaire, better than Wordsworth, better than Goethe. For me, at any rate.”

 

Ulrich M. Schmid in der Neuen Zürcher Zeitung vom 16. März 2013: „… die Polen haben geraume Zeit gebraucht, um auf ihren Jahrhundertautor aufmerksam zu werden. Erst um 1900 entdeckten die Modernisten den eminenten Postromantiker Norwid, der ihnen in Stil, Themenwahl und Lebensweg als Seelenverwandter entgegentrat.“

 

Oleg Jurjew im TAGESPIEGEL vom 11. August 2013: „Heute sehen Mickiewicz und Słowacki etwas veraltet aus und sind im Grunde nur historisch interessant. Norwid bleibt lebendig und wirksam.“

 

Bereits zu Lebzeiten des lange Verkannten merkt J. I. Kraszewski an: „Niemand, weder Mickiewicz, Słowacki noch Krasiński …, näherten sich in ihrem Werk dem Chaos in einem Maße wie Norwid. Wenn ich dies genial nennen soll, dann ist Norwid genialer als sie.“  (Übertragung aus: C. Norwid, Pisma wybrane, Bd. I, 1968, S. 115)

 

Eine der jüngsten Veröffentlichungen Peter Gehrischs trägt den Titel „Fern vom Trivium seiner Epoche. Anmerkungen zur Übertragung von Cyprian Norwids Poem ‚Rzecz o wolności słowa‘ ins Deutsche im Blick auf seine poetische Schlußversion sowie das Moment einer eigenständigen, inkommensurablen Poetik im Vergleich mit einigen Dichtern des 19. und 20. Jahrhunderts“ und erschien in Roczniki Kulturoznawcze (Annals of cultural studies), Wissenschaftliche Gesellschaft der Katholischen Universität Johannes Paul II, Lublin 2014. Folgende Auszüge sind dem Beitrag entnommen:

 

[…] „Rzecz o wolności słowa“1 ist ein Werk, entstanden in einem leidenschaftlichen Schaffensakt, mit dem Ziel, die Wirkung des Wortes in der Gesamtheit des Seins poetisch zu fassen. Im XIV. Gesang erreicht es den Zenit mit dem Bild der Ruinen Palmyras. In Korrespondenz mit dem Dichter und Feldherrn des Zweiten Messenischen Krieges, Tyrtaios, besiegelt Norwid seine gedankliche Pilgerfahrt mit einer poetischen Reminiszenz. Ausgangspunkt ist sein innerer Auftrag, Klarheit zu finden über die Lage des polnischen Volkes, das seit 1772 unter den Landesteilungen leidet, wie im Grunde über die Menschheit schlechthin. Zwar scheint seine poetische Tat der romantischen Attitüde nicht fremd, wie sie Dichtern entspricht, die, im Engagement für die Freiheit, den Einsatz als Kämpfer nicht scheuten wie Byron, Petöfi, Fredro, Schukowski. Aber sein Engagement reicht weiter als das für die Aufstandsbewegung.

 

Es reicht über Grenzen der Deutbarkeit. Auch darin ist es freilich verschwistert mit der romantischen Dichtung Europas. Aufschlußreich hierbei: der Vergleich zum reinsten Kind der deutschen Romantik, Novalis, der, allem vordergründigen Sagen voraus, den Vorstoß in eine Innerlichkeit wagt, um Leben und Welt in ihrer Vielfalt erscheinen zu lassen in Raum, Zeit und seelischen Tiefenbereichen. Dafür spricht sein Roman „Heinrich von Ofterdingen“, dafür sprechen die „Hymnen an die Nacht“, „Die Lehrlinge zu Sais“, der „Blüthenstaub“ etc. In „Die Christenheit oder Europa“ aber beschreibt er – anders als Norwid – den Prozeß der Geschichte in einseitig affirmierender Weise: „Die Christenheit […] muß das alte Füllhorn des Seegens wieder über die Völker ausgießen.“ Oder: „[…] nur Geduld, sie wird, sie muß kommen die heilige Zeit des Friedens, wo das neue Jerusalem die Hauptstadt der Welt seyn wird …“

 

Norwids geistiger Höhenflug hingegen vollzieht sich im unbeirrbaren Blick auf die Befunde des Seins. Bezogen auf historische Tatbestände, entspricht seine Dichtung letztlich dem realistisch geprägten Bild von der Welt: „Między Tytany-szalu i Flegmy-tytany“2. Dem Imperativ Immanuel Kants – Sapere aude! – genügt hier einer im besten Sinne des Wortes, indem er, wie eingefordert, sein Denkvermögen nicht schont. Er beleuchtet die Tatbestände, vergleicht die Architektur der Kathedrale mit der Entfaltung des poetischen Wortes, untersucht die Erscheinungsformen der Sprache, äußert sich zu Fragen der Bildung seiner Nation usf. Aber auch hierin geht er über Grenzen hinaus. In „Vade-mecum” kommt er zum springenden Punkt: „Jeśli ty mnie szukasz? – Prawda woła – / […] / Węzeł swój roztargnij, synu ziemi! […]“3 Dennoch – trotz aller Befunde hält er einen möglichen Irrtum im Hintergrund: „A teraz kędyś palma ze stepu mię wzywa / I oazis, bog-dajby choć ta-niekłamliwa!4

 

Norwids poetologischer Abriß ist von somnambulischer Sicherheit getragen und verfolgt den Gedanken von der Entstehung des Wortes bis in die vom Positivismus dominierte Gesellschaft seines Jahrhunderts. Seinen Gipfel erklimmt er mit dem Erscheinen des MISTRZ-WIEKUISTY5 im überwältigenden Bild: „Czoło ma w gwiazdach, stopę czerwoną – w męczeństwie.”6

 

[…]

 

Sein Grübeln gilt der initiatorischen Kraft, dank welcher sich menschliche Aktivitäten entwickeln mit Handel und Wandel, Wohn-, Kult- oder Andachtsstätten, mit Ordnung und Regel, Verschanzung und Militär, Repräsentanz und entsprechender Architektur wie jener in der antiken Oasenstadt Tadmur. An dieser Erscheinung entwirft er sein exorbitantes Gesamtbild. Die angetroffene Spur ist vergleichbar einem verlassenen Vogelnest, das für gewesenes Leben zeugt. Doch die Vögel sind fort. Auch hier ist, wie es im XIV. Lied heißt, eine „Umrandung“ [„kres taki”] geblieben: „... który / Nie Ruiny już tycze, lecz architektury!“7

 

[…]

 

 

Wiedergabe der polnischen Zitate in deutscher Sprache

 

1 „Über die Freiheit des Wortes“ (Titel eines Poems von Norwid)

2 „Zwischen titanischer-Tobsucht und titanischem-Phlegma”

3Wenn du mich suchst? – so ruft sie, die Wahrheit – / […] / Erdensohn, lös deinen Knoten!“

4 „Und jetzt: von irgendwoher ruft die Palme der Steppe nach mir! /und die Oase, Gott-gebe – daß diese nicht lügenhaft ist”

5 MEISTER-FÜR-ALLE-ZEIT (gemeint ist Jesus Christus)

6 „Mit der Stirn in den Sternen, mit dem geröteten Fuß in der Qual.”

7 „... die schon nicht die Ruine betrifft, aber – die Architektur!”